Schulterimpingement – Warum der klassische Erklärungsansatz überholt ist
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Das Schulterimpingement (auch Impingement-Syndrom der Schulter) beschreibt angeblich eine Einklemmung von Sehnen und Weichteilen im sogenannten subakromialen Raum – also dem Bereich zwischen Oberarmkopf (Humerus) und Schulterdach (Acromion).
In diesem Raum verlaufen unter anderem:
- die Supraspinatussehne (Teil der Rotatorenmanschette)
- die lange Bizepssehne
- die subakromiale Bursa (Schleimbeutel)
Die klassische Theorie besagt, dass diese Strukturen bei Armbewegungen „eingeklemmt“ werden und dadurch Schmerzen entstehen.
Doch genau diese Annahme wird heute zunehmend wissenschaftlich infrage gestellt.
Die Geschichte des Schulterimpingements
Die Impingement-Theorie wurde in den 1970er-Jahren durch den Orthopäden Dr. Charles Neer populär gemacht. Er ging davon aus, dass bis zu 95 % aller Rotatorenmanschettenrisse durch mechanische Einklemmung verursacht würden.
Auf dieser Grundlage entwickelte er die subakromiale Dekompression (Acromioplastik) – eine Operation, bei der:
- der Schleimbeutel entfernt wird
- das Schulterdach abgeschliffen wird
- ein Band (Lig. coracoacromiale) durchtrennt wird
Ziel: mehr Platz schaffen, weniger „Einklemmung“.
Das Problem: Für diese Theorie gab es nie solide Beweise.
Hilft eine subakromiale Dekompression wirklich?
Die kurze Antwort: Nein.
Mehrere hochwertige Studien und Übersichtsarbeiten zeigen eindeutig:
- Keine klinisch relevante Verbesserung gegenüber Placebo-Operationen
- Keine bessere Schmerzlinderung als Physiotherapie oder gar keine Behandlung
- Kein Einfluss auf Rotatorenmanschettenrisse im Langzeitverlauf
Zentrale Studienergebnisse:
- Cochrane Review (2019): Kein Nutzen in Schmerz, Funktion oder Lebensqualität
- BMJ-Leitlinie (2019): Klare Empfehlung gegen die Operation
- Paavola et al. (2021): Kein Vorteil gegenüber Placebo oder Training nach 5 Jahren
👉 Die Konsequenz: Das mechanische Impingement-Modell gilt heute als veraltet.
Bedeutet das, dass Schulterimpingement nicht existiert?
Nicht ganz – aber nicht so, wie wir es jahrzehntelang erklärt haben.
Studien zeigen:
- Kontakt im subakromialen Raum tritt bei Menschen mit und ohne Schulterschmerzen gleich häufig auf
- „Impingement“ passiert bei normalen Alltagsbewegungen
- Ein enger subakromialer Raum steht nicht in Zusammenhang mit Schmerz oder Funktion
Kurz gesagt:
👉 Einklemmung allein erklärt keine Schulterschmerzen.
Warum die Diagnose Schulterimpingement problematisch ist
Der Begriff kann mehr schaden als helfen.
Studien zeigen, dass Betroffene:
- Angst vor Bewegung entwickeln
- glauben, ihre Schulter sei „kaputt“
- Physiotherapie als nutzlos empfinden
- eine schlechte Prognose erwarten
Aussagen wie:
„Die Sehne wird vom Knochen aufgerieben“
„Nur eine OP kann das lösen“
verstärken Nocebo-Effekte und behindern die Rehabilitation.
Gibt es „schädliche“ Schulterübungen?
Klassische „verbotene“ Übungen wie der Upright Row (aufrechtes Rudern) werden oft als gefährlich dargestellt – ohne wissenschaftliche Grundlage.
Fakten:
- Impingement tritt eher bei niedrigen Armwinkeln auf
- Ab 90° Armhebung ist eine Einklemmung biomechanisch kaum möglich
- Klinische Tests wie der Hawkins-Kennedy-Test sind nicht valide
👉 Schmerzen bei einer Übung bedeuten nicht automatisch Schaden.
Warum tut meine Schulter dann weh?
Die Antwort ist meist multifaktoriell.
Häufige Ursachen:
- Zu viel, zu schnell (Belastungssteigerung)
- neue Trainingsreize
- ungewohnte Überkopfbelastung
- unzureichende Regeneration
Zusätzlich spielen eine Rolle:
- Schlaf
- Stress
- allgemeiner Gesundheitszustand
- Bewegung im Alltag
👉Schulterschmerz ist selten ein einzelnes strukturelles Problem.
Wie sollte man Schulterimpingement heute nennen?
Begriffe wie:
- Subacromial Pain Syndrome (SAPS)
- Rotatorenmanschetten-assoziierter Schulterschmerz (RCRSP)
sind neutraler – aber auch sie erklären nicht die Ursache.
Wichtiger als der Name sind:
- deine Belastung
- deine Ziele
- deine Symptome
- was Schmerzen verbessert oder verschlechtert
Moderne Botschaften für Betroffene
- Bewegung ist sicher
- Schmerz ≠ Schaden
- Du reibst deine Sehnen nicht kaputt
- Eine OP ist in den meisten Fällen nicht nötig
- Training ist Teil der Lösung, nicht das Problem
Fazit: Zeit für ein Umdenken beim Schulterimpingement
Das Schulterimpingement ist ein Beispiel dafür, wie sich medizinische Konzepte über Jahrzehnte halten können – selbst wenn sie wissenschaftlich nicht haltbar sind.
Heute wissen wir:
- Die Diagnose ist unscharf
- Die Erklärung oft irreführend
- Die Behandlung unnötig passiv und angstbesetzt
Ein moderner Ansatz setzt auf:
- Aufklärung
- progressive Belastung
- Vertrauen in die Anpassungsfähigkeit des Körpers
FAQ – Häufige Fragen zum Schulterimpingement
Ein Sammelbegriff für nicht-traumatische Schulterschmerzen, der früher mechanisch erklärt wurde, heute aber als überholt gilt.
Nein. Es bedeutet nicht, dass Strukturen geschädigt werden oder eine OP nötig ist.
Die Studienlage zeigt klar: Nein, sie ist nicht wirksamer als Placebo oder Training.
Nicht pauschal. Wichtig sind angepasste Belastung, Progression und Kontext.
Ja – besonders aktive, funktionelle Therapie mit verständlicher Aufklärung.
Oft ja, besonders mit Bewegung, Belastungssteuerung und Geduld.
Quellen:
Paavola, M., Kanto, K., Ranstam, J., Malmivaara, A., Inkinen, J., Kalske, J., Savolainen, V., Sinisaari, I., Taimela, S., Järvinen, T. L., & Finnish Shoulder Impingement Arthroscopy Controlled Trial (FIMPACT) Investigators (2021). Subacromial decompression versus diagnostic arthroscopy for shoulder impingement: a 5-year follow-up of a randomised, placebo surgery controlled clinical trial. British journal of sports medicine, 55(2), 99–107. https://doi.org/10.1136/bjsports-2020-102216
Lähdeoja, T., Karjalainen, T., Jokihaara, J., Salamh, P., Kavaja, L., Agarwal, A., Winters, M., Buchbinder, R., Guyatt, G., Vandvik, P. O., & Ardern, C. L. (2020). Subacromial decompression surgery for adults with shoulder pain: a systematic review with meta-analysis. British journal of sports medicine, 54(11), 665–673. https://doi.org/10.1136/bjsports-2018-100486
Vandvik, P. O., Lähdeoja, T., Ardern, C., Buchbinder, R., Moro, J., Brox, J. I., Burgers, J., Hao, Q., Karjalainen, T., van den Bekerom, M., Noorduyn, J., Lytvyn, L., Siemieniuk, R. A. C., Albin, A., Shunjie, S. C., Fisch, F., Proulx, L., Guyatt, G., Agoritsas, T., & Poolman, R. W. (2019). Subacromial decompression surgery for adults with shoulder pain: a clinical practice guideline. BMJ (Clinical research ed.), 364, l294. https://doi.org/10.1136/bmj.l294
Lawrence, R. L., Braman, J. P., & Ludewig, P. M. (2019). The Impact of Decreased Scapulothoracic Upward Rotation on Subacromial Proximities. The Journal of orthopaedic and sports physical therapy, 49(3), 180–191. https://doi.org/10.2519/jospt.2019.8590
Park, S. W., Chen, Y. T., Thompson, L., Kjoenoe, A., Juul-Kristensen, B., Cavalheri, V., & McKenna, L. (2020). No relationship between the acromiohumeral distance and pain in adults with subacromial pain syndrome: a systematic review and meta-analysis. Scientific reports, 10(1), 20611. https://doi.org/10.1038/s41598-020-76704-z
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